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„Haus für Kinder und Familien“
Katholischer Kindertagesstätte
St. Marien Bad Laer
Müschener Straße 10
49196 Bad Laer

Tel: 05424/ 225852
Fax: 05424/ 293626
E-Mail: kiga.st.marien@osnanet.de

Leitung: Elke Metten

Wie Kinder Zahlen verstehen lernen

Merles Fuß schwebt über dem Boden. Sie streckt das Bein so weit aus wie sie kann. Die fünfjährige ist hoch konzentriert. Vor dem Mädchen auf der Erde liegt ein Zahlenstrahl. „Du stehst auf der Neun und sollst jetzt in Dreierschritten zurückgehen. Auf welche Zahlen trittst Du?“, fragt Professorin Inge Schwank. Merle überlegt kurz und macht dann den ersten großen Schritt. „Auf die sechs“, erklärt sie stolz und dann auf die drei, will schon Schluss machen – wird aber zurückgehalten: „Du hast die Null vergessen.“ Merle macht den letzten Schritt und stellt sich Freude strahlend zurück in die Reihe. Und Professorin Inge Schwank vermerkt zufrieden: „Rückwärts von neun bis null gezählt, ganz ohne in Einserschritten vorzugehen. Ein super Erfolg, denn gerade Mädchen fällt es of schwer, sich mit Mathe anzufreunden.“ 

Sieben Grundschulen in Niedersachsen und der Katholische St. Marienkindergarten in Bad Laer als einziger Kindergarten haben sich dem Praxistest der Mathematikdidaktikerin Inge Schwank vom „Institut für kognitive Mathematik“ an der Universität Osnabrück angeschlossen. Die Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte fördert das Projekt zudem über die kommenden drei Jahre.

Kindergartenleiterin Gudrun Henke begründet die Teilnahme ihrer Einrichtung so: „Die Kindertagesstätten befinden sich im Wandel. Unsere Aufgaben werden immer komplexer und eine ist es, Kinder noch besser auf die Anforderungen in der Grundschule vorzubereiten.“. Die negative Beurteilung Deutschlands bei den Pisa-Studien hat dazu geführt, dass Kindergärten und Grundschulen verstärkt im Brückenjahr kooperieren. Gemeinsam wurde mit den Grundschulen und den Kindertagesstätten von Bad Laer ein Kooperationsplan zu den einzelnen Bildungsbereichen des Niedersächsischen Orientierungsplanes erarbeitet.

„Gespräche mit den Grundschullehrern haben gezeigt, dass an manchen Stellen stärker als bisher gefördert werden sollte. So achten wir jetzt beispielsweise verstärkter auf die Sprachentwicklung der Kinder.  Als ich vom Projekt der mathematischen Früherziehung erfahren habe, war ich sofort bereit, mitzumachen, auch wenn dies weitere Zeit und Energie für Fortbildungen und der Umsetzung in den Kindergartenalltag bedeutet. Mathematische Früherziehung ergänzt unsere Anstrengungen für eine bessere Frühförderung ausgezeichnet und das Konzept von Professorin Inge Schwank hat mich überzeugt“, erklärt Gudrun Henke.  

Über vier Wochen hat das Schwank-Team, bestehend aus der Diplom-Psychologin Dana Heinze, der Lehrerin Wiebke Klaue und der Lehramtsstudentin Marlen Petermann, an jedem Freitag mit jeweils zwei Gruppen zu fünf und sieben Teilnehmern eine Dreiviertelstunde gearbeitet und dies filmisch festgehalten. „Unsere mathematischen Spielwelten ermöglichen es Kindern, zu erkennen, was sich hinter Zahlen verbirgt, sozusagen das Konstruktionsprinzip. Sie erkennen die Besonderheit jeder Zahl und setzen sie in Bezug zu den anderen“, erklärt Professorin Inge Schwank. „Beispiel Zahlenstrang: Merle hat verstanden, dass die Zahlen nicht isoliert stehen. Sie hat begriffen, dass die Null zum System dazugehört und hat, ohne den Fachbegriff dafür zu kennen, das Einmaleins der drei spielerisch umgesetzt“, so die promovierte Mathematikerin.

Nach Ansicht von Professorin Inge Schwank ist es wichtig, allen Kindern eine passende Denkweise beizubringen. Damit dies gewährleistet werden kann, bildet das Team Lehrkräfte, Erzieherinnen und Studierende in Workshops aus. In Einzelfallstudien und anhand der Auswertung der „Zwergen-Mathe –Olympiade“ - ein Wettbewerb, bei dem Drittklässler mathematische Aufgaben lösen - fand die Mathematikdidaktikerin nämlich heraus, dass viele Kinder – und die meisten davon Mädchen – eher in statischen Strukturen denken, während Jungen gern knobeln und ergründen, wie die Funktion ist, die hinter der Lösung stecken könnte. Ein Beispiel: Ein Gärtner soll eine Strecke von 30 Metern mit Bäumen bepflanzen, sodass alle zwei Meter ein Baum steht. Die Grundschülerinnen teilen jetzt einfach 30 durch zwei – und kommen zum falschen Ergebnis. Die Jungs stellen sich den Prozess vor: Der Gärtner pflanzt am Anfang der Strecke einen Bau, dann noch einen, und so fort, und am Ende muss er noch einen 16. Baum pflanzen. Bezüge und daher Funktionen herzustellen, erleichtert bzw. ermöglicht erst das Verstehen komplexerer mathematischer Fragen. Damit dieses Grundverständnis entstehen kann, hat das Team um Professorin Inge Schwank spezielles Material entwickelt – mit hohem Anspruch, denn es muss drei Grundsätze erfüllen: 1. Mathematisch absolut korrekt sein; 2. kindgerecht; 3. funktionales Denken fördern. Inge Schwank: „Spielerisches Herangehen hat nur Sinn, wenn der mathematische Grundsatz dahinter stimmt.“

Wichtig ist dabei auch die Frage, wie die Null zu erklären ist, denn nur durch sie gelangt man in den Dezimalbereich. Professorin Inge Schwank kritisiert, dass selbst in neueren Mathebüchern, die Null irgendwann einfach wie aus dem Nichts auftaucht, ohne dass deren Existenz vorher erklärt wird. Für Kinder ist dies schwer zu verstehen, geschweige denn, dass sie das System dahinter begreifen. Das Schwank-Team hat deshalb die so genannte „Rechenwendeltreppe“ entwickelt. Sie besteht aus einer runden Bodenplatte, auf der orangefarbene Perlen auf Holzstöcken aufgezogen werden. Professorin Inge Schwank: „Die Kinder erkennen ganz klar, der Platz für die Null bleibt frei, es wird immer weiter eine Perle aufgezogen bis zur neun. Mit zehn aufgezogenen Perlen beginnt der äußere Kreis und ab der Zahl elf kommt eine neue Farbe dazu. Die Kinder erkennen sofort zehn plus eins macht elf, zehn plus zwei macht zwölf usw.“ Im Spiel wandern nun Figuren auf und ab, mal in Zweier-, mal in Einserschritten und die Kinder sehen mit eigenen Augen - und das prägt sich ein -, das mit den Zahlen etwas passiert. Sie erkennen nun viel schneller, wie viel 13 minus fünf ist und können sich den Ablauf vorstellen. „Das ist der erste Schritt, um funktional denken zu lernen“, betont Professorin Inge Schwank.